Andacht von Manfred Frank  (Pastor EFG-Templin) Hebräer 13, 12 – 14 
 
Es gibt manchmal niedliche kleine Zufälle. Da sind wir zurzeit angehalten, die eigenen vier Wände möglichst nicht zu verlassen, und dann fordert uns der Predigttext genau dazu auf: geht hinaus vor das Tor! Ein weiterer kleiner niedlicher Zufall: am vorigen Sonntag hatten wir einen Bibeltext, aus dem die Jahreslosung für das Jahr 2016 stammte. Heute haben wir einen Bibeltext, aus dem die Jahreslosung für das Jahr 2013 stammt.
 
Da schreibt jemand zu irgendeiner Zeit an irgendwelche Christen in irgendeiner Umgebung einen Brief. Wenn wir ehrlich sind, können wir tatsächlich nicht viel mehr sagen. Es handelt sich um den Brief an die Hebräer. Wer diesen Brief geschrieben hat, an wen dieser Brief gerichtet war und wann der Briefschreiber gelebt hat – wir wissen es nicht. Einiges lässt sich aus dem Inhalt des Briefes erschließen. Der Brief ist wohl an Christen gerichtet, die nicht zur ersten Generation von Christen gehörten. Vielleicht zur zweiten oder eher noch zur dritten Generation. Aber die Empfänger waren mit dem christlichen Gedankengut sehr gut vertraut. Wahrscheinlich waren sie von ihrer Herkunft her früher Mitglieder in der jüdischen Synagoge.  In diesem Brief wird den Empfängern die Größe unseres Herrn Jesus Christus vor Augen gemalt. Es wird davon gesprochen, dass Jesus der wahre Hohepriester ist. Und doch ist dieser Hohepriester anders, als man Leute in einer solchen Funktion kennt. Denn dieser Hohepriester ist keine abgehobene und dem normalen Volk entrückte sakrosankte Person, sondern jemand, der mit den einfachen Leuten lebt und mitihnen sogar mitleidet. Den ersten Christen brauchte man das sicher nicht erzählen. Aber wohl den späteren, für die Jesus – weil es keine Augenzeugen mehr gab – schon mehr zu einem Gott im hohen Himmel geworden war – also weit, weit weg.  Ein anderes Problem, mit dem sich dieser Brief auseinandersetzt, ist ein Thema, das uns in vielen späten Schriften des Neuen Testamentes begegnet: der Anpassung der ehemals sehr konsequenten Christen an die Umwelt. Der Schreiber des Hebräerbriefes fürchtet, dass die Empfänger es sich schön in dieser Welt eingerichtet hatten und sich nicht mehr sauber abgrenzten. Sie hätten sicherlich sehr gut in die heutige Zeit gepasst, wo Leute, die nicht angepasst sind, auch gern ausgegrenzt werden, und sich daher viele Leute – auch Christen – lieber anpassen, um einer solchen Ausgrenzung zu entgehen.
 
Am Ende seines Briefes stehen dann folgende Zeilen. Ich lese aus dem Hebräerbrief, aus dem 13. Kapitel die Verse 12-14:
 
 „Jesus litt und starb außerhalb der Stadttore, um sein Volk durch sein vergossenes Blut zu heiligen. Lasst uns deshalb zu ihm hinausgehen, vor das Lager, und die Schande tragen, die er auf sich nahm. Denn diese Welt ist nicht unsere Heimat; wir erwarten unsere zukünftige Stadt erst im Himmel.“
Ich gebe es zu, auch ich möchte nicht als weltfremd gelten. Und was uns der Hebräerbrief hier zumutet, scheint doch ziemlich weltfremd zu sein. Da ist von vergossenem Blut die Rede. Wir kennen das nur im Zusammenhang von Verbrechen. Dass der Hebräerbrief hier eine Verbindung zur Erlösung der Menschheit herstellt, erschließt sich vielen unserer Zeitgenossen sicherlich nicht. Opfer, Altäre, Opfertiere und all das – das gehört zu einer fernen Welt, in der man zum Glück nicht mehr lebt. Doch das war schon den Christen damals sehr bewusst. Gerade der Hebräerbrief betont, dass dieses Opfer Jesu, das wirklich letzte Opfer war, dass zu unserer Rettung diente. Ein für alle Mal. Es ist kein weiteres Opfer mehr nötig. Deshalb gibt es auch keine christlichen Selbstmordattentate.  In der christlichen Sprache ist manchmal davon die Rede, dass wir Jesus unser Leben vielleicht zwar nicht opfern, aber wohl hingeben, als wäre es so etwas wie ein Opfer. Aber wer so denkt, der hat nicht viel von dem Evangelium verstanden. Dass wir Jesus unser Leben geben dürfen ist ein Geschenk und kein Opfer. Natürlich gehört zur auch dazu, dass man um der Nachfolge Jesu willen etwas ‚opfert‘. Christen verzichten auf so vieles, was man im Umfeld vielleicht für nur schwer verzichtbar oder gar nicht verzichtbar hält. Aber des geschieht nicht aus dem Grund, irgendetwas ‚opfern‘ zu müssen, sondern hat vielmehr etwas damit zu tun, dass ein Christ seine Prioritäten anders setzt. Wer in der Nähe Jesus lebt, der sollte so frei durch Jesus geworden sein, dass ihm jeglicher Verzicht um Jesu willen nicht als Opfer erscheinen kann. Aber vielleicht geht es uns auch heute noch wie den Leuten, an die dieser Brief gerichtet war. Ich bleibe dabei. Ich möchte nicht als weltfremd gelten. Und weltfremde Christen gibt es genug. Schon das Wort ‚fromm‘ scheint für viele genau das auszudrücken: ist jemand fromm, dann ist er auch sofort weltfremd. Das haben wir Christen uns selbst eingebrockt. Zur Zeit Jesu und später zu Zeiten des Paulus wäre kein Christ auf die Idee gekommen, sich weltfremd aus dieser Welt zurückzuziehen. Erst 100 Jahre später kamen einige Männer auf die Idee, als Eremiten in Höhlen zu leben. Man wollte sich von dieser Welt abwenden und frei von Ablenkung, aber auch frei von Sünde für Jesus leben zu können. Was Jesus eigentlich davon hat, dass sich jemand in eine Höhle verkriecht, um zu beten und seltsame Halluzinationen zu haben, hat wohl keiner wirklich nachgefragt. Später kann man auf die Idee, diese Eremiten in Klöstern zusammenzufassen. Wir sollten die klösterliche Lebensweise nicht über Bausch und Bogen verurteilen. Im Mittelalter sind viele gute Entwicklungen von Klöstern ausgegangen. Und dennoch, in der Bibel finde ich keine Aufforderung dazu. Wir sollten auch gar nicht so überheblich auf andere zeigen. Das Bestreben, sich von der sündigen Welt abzukehren und sich in eine fromme Blase zurückzuziehen, gab es gerade in den frommen und auch freikirchlichen Kreisen nur allzu häufig. Ich kannte Menschen, die sich in einer nicht frommen Umgebung nicht zu bewegen wussten. Die kannten weder die Themen der Leute, noch deren Sorgen und Probleme. Und von dem, was diesen Leuten gefiel und Spaß machte, hatte man in diesen Kreisen eine sehr abstruse und abwertende Vorstellung. In deren Umfeld kam das auch nicht gut an. Fromme galten – häufig wohl gar nicht zu Unrecht – als abgehoben, selbstgerecht, arrogant und selbstgefällig. Von ihrer Umgebung wurden die Leute als seltsame Kauze wahrgenommen.
Hebräer 13, 12 – 14 Predigt 29.03.2020 
 
 
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Ich bleibe dabei, auf diese Art will ich nicht weltfremd sein. Heute treten wir Christen mühsam den Rückweg an. Wir lernen es, wieder einfach nur Mitmenschen zu sein. Dabei setzt man sich bei den noch heute existierenden elitären frommen Kreisen der Gefahr aus, als vom Glauben abgefallen oder zumindest inkonsequent zu gelten. Doch der Hebräerbrief macht deutlich, dass dies der Weg ist, den uns der wahre Hohepriester, Jesus, vorgezeichnet hat. Jesus war mit Sicherheit nicht weltfremd. Genau das war ein Grund, warum Jesus und seine Lehre eine solche Anziehungskraft auf seine Mitmenschen damals hatte. Er war einer der ihren und doch so völlig anders. Jesus bekam das erstaunlich gut unter einen Hut. Er feierte mit den ausgegrenzten Leuten, die man abfällig als Sünder bezeichnete. Diese ‚Sünder‘ hatten das Gefühl, dass Jesus wirklich einer von ihnen war. Und dabei war ihnen völlig klar, dass Jesus sich völlig anders verhielt als sie. Das muss man sich so vorstellen, als würde eine Diebesbande jemanden völlig selbstverständlich als deren Mitglied wahrnehmen, der allerdings niemals stiehlt, der sich auch an der Planung nicht beteiligt, der Stehlen eine Sünde nennt, und der die Diebe selbst dazu anhält, das Raubgut zurückzugeben. Jesus konnte das. Warum schaffen wir das nicht? Dazu, so sagt es der Hebräerbrief, müssten wir vor das Lager gehen. Außerhalb der Stadttore hat sich Jesus für uns Menschen geopfert. Damit war er bereit, eine Schande auf sich zu nehmen, die auch heute noch als Schande nachwirkt. Denn selbst manche Christen scheuen sich, davon zu sprechen, dass Jesus für sie gestorben ist. Hat Gott es nötig, seinen Sohn für uns zu opfern? Dabei spricht doch jede Nachrichtensendung – wenn sie außer der Corona-Krise auch anderes kennt – von all dem, wieso es so nötig war, dass Jesus sich für uns geopfert hat. Er ist, um im Bild des Hebräerbriefes zu bleiben, vor die Stadtmauern gegangen. Wer hat das Bedürfnis sich einzumauern? Na nur der, der etwas zu verlieren hat. Hinter den Mauern sitzen diejenigen, die etwas haben, etwas, was sie nicht verlieren wollen. Das muss nicht unbedingt Wohlstand sein. Mal unter uns gesprochen: So, wie wir Christen gerade leben, ist doch oft schön und vertraut. Man fühlt sich wohl. Man kennt sich. Man schätzt sich. Könnte doch eigentlich immer so bleiben. Rausgehen? Da gerät man in den Bereich, wo man sich blamieren kann. Das könnte auch etwas kosten. Zumindest macht es Arbeit. Vielleicht werde ich dort auch hinterfragt. Vielleicht ahne ich, dass ich dann manches von meinem Christsein auch als Lebenslüge erweist. Mit Jesus vor das Lager treten? Da lauert die Schande. Niemand schämt sich gern. In einer Gemeinschaft mit Gleichgesinnten ist das Risiko, als weltfremd zu gelten, ziemlich gering. Da kann man getrost und gern weltfremd sein. Aber was könnte uns bewegen, diese schöne Komfortzone hinter den dicken Mauern zu verlassen? Eine kleine Erinnerung: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Das ist uns eigentlich völlig klar. Wenn etwas feststeht, dann das nichts feststeht. Und wenn uns die Corona-Krise etwas lehrt, dann doch das, was uns die Finanzkrise, die Klimakrise, die Globalisierungskrise, die Krise in unserer Gesellschaft schon längst hätten lehren können: nichts, aber auch gar nichts ist wirklich sicher. Man kann sich noch so einmauern, irgendwas schafft den Weg durch die Mauern hindurch. Und mit Händewaschen schützt man sich dagegen nicht.  
Weil in dieser Welt nichts von Dauer ist, nichts bestand hat, warnt uns Jesus davor, uns zu sehr an diese Welt zu binden. Vor allem warnt er uns davor, auf falsche Sicherheiten zu setzen. Dass es plötzlich kein Toilettenpapier gibt, ist nun wirklich das geringste Übel. Was da an wirklich Schlimmen auf uns zukommt, wissen wir gar nicht. Und manch ein jüngerer Mensch, der vielleicht der Meinung ist, Corona sei nur ein Problem der Alten, kann laut Statistik schon bald eines Schlechteren belehrt werden. Das nichts im Leben sicher ist, ist eine Tatsache, die nun wirklich jedem Menschen bewusst sein müsste. Aber wir können das so wunderbar ausblenden. Das gelingt allerdings nur solange, bis etwas kommt, was unsere Scheinsicherheiten als das enttarnt, was sie wirklich sind – Lebenslügen. Manchmal frage ich mich, wer nun wirklich weltfremd ist. Derjenige, dem bewusst ist, dass er hier keine bleibende Stadt hat, und auch danach lebt, oder derjenige, der zwar weiß, dass er auf dieser Welt nur auf Durchreise ist, aber so tut, als könnte er ewig leben. Und wenn ich sehe, was wir Menschen uns gegenseitig und unserer Welt antun, dann möchte ich eigentlich gern weltfremd sein. Ja, ich müsste wie Jesus mich aus den Stadtmauern herausbegeben zu denen, die schon jetzt ausgegrenzt und ausgeschlossen sind. Ich brauche dazu nicht einmal die europäischen Außengrenzen verlassen. Außerhalb, das sind viele Leute auch in meiner Nähe. Diese Welt ist an vielen Stellen besser geworden, weil auch Christen ihr Lager verlassen haben und zu denen gegangen sind, die am Rand der Gesellschaft stehen. Und dort – ja dort haben sie Jesus getroffen, der dies bereits schon immer getan hat. Aber dabei bleibt es nicht. Wir haben hier keine bleibende Stadt – sicher. Aber das heißt nicht, dass es keine bleibende Stadt gibt. Es gibt die zukünftige, die, nach der wir suchen. Nicht nur wir Christen. Alle Menschen spüren diese Sehnsucht in sich: da muss es doch noch etwas geben. Diese Sehnsucht treibt uns Menschen an. Sie führt uns leider manchmal auch in die Irre. Wie heißt es aber im Buch Prediger: Gott hat uns die Ewigkeit ins Herz gelegt. Und dies äußert sich in unserer Sehnsucht. Diese Sehnsucht haben nicht nur die Leute vor dem Tor, sondern auch die hinter den Mauern. Denn da gibt es etwas, was uns antreibt, diese Welt nicht als das letztlich Gültige anzusehen, sondern weiter zu suchen. Wenn wir gemeinsam suchen, dann ändert sich auch diese Welt. Ich bin fest davon überzeugt: würden alle Menschen nach der zukünftigen Welt suchen und nicht rückwärtsgewandt leben, dann würde die Welt zwar nicht zum Himmel auf Erden werden, sie würde sich aber erheblich verbessern. Ich möchte doch weltfremd sein. Ich will diese Welt nicht als für immer so gegeben annehmen müssen. Diese Welt mit allen ihren Leiden muss vergehen. Hier kann auch das Schlimmste nicht in Ewigkeit bestehen. Nicht, weil wir Menschen es eines Tages hinbekommen werden, sondern weil Jesus aus seinem sicheren Lager, dem Himmel, herausgegangen ist, um vor dem Tor, also auf dieser Erde, mit uns Ausgestoßenen zu leiden. Weil er das getan hat, bleibt die Suche nach der zukünftigen Stadt nicht mehr ein vergebliches Sehnen. Und in der Nähe Jesu bekommen wir eine Ahnung davon, wie es in dieser Stadt einmal sein wird. Amen 

 Es grüßt

Manfred Frank

 

Losung des Tages

Freitag, 10. April 2020
Wohl dem, der den HERRN fürchtet, der große Freude hat an seinen Geboten!
Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

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